10 Mythen über Süßstoffe

Der wissenschaftliche Faktencheck

Süßstoffe gehören zu den am besten untersuchten Lebensmittelzusatzstoffen weltweit. Dennoch halten sich hartnäckige Mythen. Hier die wissenschaftlichen Fakten.

Wissenschaftlich geprüft

Alle auf dieser Seite dargestellten Informationen basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Bewertungen von Behörden wie EFSA, FDA und WHO.1

Mythos 1 Süßstoffe verursachen Krebs

Die Behauptung

Süßstoffe wie Aspartam oder Saccharin sind krebserregend und sollten gemieden werden.

Die Fakten

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für ein erhöhtes Krebsrisiko bei normalem Konsum zugelassener Süßstoffe.

Woher stammt dieser Mythos?

In den 1970er Jahren zeigten Tierversuche einen Zusammenhang zwischen sehr hohen Saccharin-Dosen und Blasenkrebs bei Ratten. Diese Ergebnisse ließen sich jedoch nicht auf den Menschen übertragen, da Ratten einen anderen Stoffwechsel haben.2

2023 stufte die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) Aspartam als „möglicherweise krebserregend" ein. Diese Einstufung bedeutet jedoch nur, dass die Evidenz begrenzt ist – nicht, dass Aspartam tatsächlich Krebs verursacht. Die FDA und EFSA bestätigten, dass Aspartam bei normaler Verwendung sicher ist.3

Zum Vergleich

Als „möglicherweise krebserregend" gelten auch Aloe Vera, eingelegtes Gemüse und die Arbeit als Friseur. Die sichere Tagesdosis von Aspartam (40 mg/kg) entspricht etwa 9-14 Dosen Diätlimonade täglich.3


Mythos 2 Süßstoffe machen dick

Die Behauptung

Süßstoffe werden in der Tiermast eingesetzt und führen zu Gewichtszunahme.

Die Fakten

Süßstoffe haben keine appetitsteigernde Wirkung. Die meisten Studien zeigen, dass sie beim Abnehmen helfen können.

Was sagt die Wissenschaft?

Der Mythos vom „Mastmittel" ist einer der hartnäckigsten – und am gründlichsten widerlegten. Süßstoffe haben keinen pharmakologischen Effekt zur Appetitsteigerung.4

Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien zeigen: Wenn Süßstoffe kalorienreichen Zucker ersetzen, kann dies zu einer Reduktion der Energieaufnahme und des Körpergewichts beitragen.5

In der Schweinemast werden tatsächlich manchmal Süßstoffe eingesetzt – allerdings nur, um den bitteren Geschmack von Futterzusätzen zu überdecken, nicht zur Appetitsteigerung.4


Mythos 3 Süßstoffe erhöhen den Blutzucker

Die Behauptung

Süßstoffe täuschen den Körper und führen zu erhöhter Insulinausschüttung und Blutzuckerschwankungen.

Die Fakten

Die meisten Süßstoffe haben keinen messbaren Einfluss auf Blutzucker oder Insulinspiegel.

Die wissenschaftliche Evidenz

Randomisierte, kontrollierte Studien zeigen eindeutig:6

  • Kein Anstieg des Blutzuckerspiegels nach Süßstoffkonsum
  • Keine Veränderung des Langzeitzuckerwertes (HbA1c)
  • Keine klinisch relevante Insulinreaktion

Diabetesorganisationen weltweit empfehlen Süßstoffe als sichere Alternative zu Zucker für Diabetiker.7


Mythos 4 Süßstoffe zerstören die Darmflora

Die Behauptung

Süßstoffe schädigen die Darmflora und führen zu Verdauungsproblemen.

Die Fakten

Die Studienlage ist uneinheitlich. Veränderungen wurden beobachtet, deren Bedeutung aber unklar ist.

Was wissen wir wirklich?

Eine 2014 in „Nature" veröffentlichte israelische Studie zeigte Veränderungen der Darmmikrobiota bei Mäusen. Diese Ergebnisse wurden jedoch kritisiert und konnten in Folgestudien nicht eindeutig bestätigt werden.8

Eine Übersichtsarbeit in „Food and Chemical Toxicology" kam zu dem Schluss: Weder die Israel-Studie noch andere Studien liefern eindeutige Beweise für nachteilige Wirkungen auf das menschliche Darmmikrobiom.9

Metaanalysen aus 2025 zeigen: Bei normalem Konsum kein nachgewiesener negativer Effekt auf die Darmflora.10


Mythos 5 Süßstoffe verstärken Heißhunger

Die Behauptung

Süßer Geschmack ohne Kalorien macht den Körper hungrig und führt zu Heißhungerattacken.

Die Fakten

Kontrollierte Studien zeigen keinen Zusammenhang zwischen Süßstoffkonsum und gesteigertem Appetit.

Die Theorie vs. Realität

Die Theorie besagt: Der süße Geschmack signalisiert dem Körper Energie, die dann nicht kommt. Das könnte zu kompensatorischem Essen führen.

In der Praxis zeigen randomisierte Studien jedoch: Süßstoffe führen nicht zu erhöhtem Appetit oder kompensatorischer Kalorienaufnahme.5 Viele Menschen berichten sogar, dass der süße Geschmack ihr Verlangen nach Süßem stillt.


Mythos 6 Süßstoffe verursachen Durchfall

Die Behauptung

Süßstoffe führen zu Magen-Darm-Beschwerden und Durchfall.

Die Fakten

Diese Verwechslung betrifft Zuckeralkohole wie Erythrit und Xylit, nicht klassische Süßstoffe.

Der Unterschied ist wichtig

Hier liegt eine häufige Verwechslung vor:

  • Klassische Süßstoffe (Aspartam, Saccharin, Sucralose, Cyclamat) verursachen keine Verdauungsprobleme
  • Zuckeralkohole (Sorbit, Maltit, Xylit) können bei übermäßigem Verzehr abführend wirken
  • Erythrit ist eine Ausnahme unter den Zuckeralkoholen und wird gut vertragen

Die abführende Wirkung mancher Zuckeralkohole entsteht durch osmotische Effekte im Darm – sie ziehen Wasser ins Darmlumen.11


Mythos 7 Natürliche Süßstoffe sind immer gesünder

Die Behauptung

Natürliche Süßungsmittel wie Stevia sind automatisch gesünder als synthetische.

Die Fakten

„Natürlich" bedeutet nicht automatisch „sicherer" oder „gesünder". Alle zugelassenen Süßstoffe sind gleichermaßen sicher.

Naturalistischer Fehlschluss

Der Gedanke „natürlich = gut, künstlich = schlecht" ist ein logischer Fehlschluss. Einige Beispiele:

  • Viele natürliche Substanzen sind giftig (z.B. Schierling, Fliegenpilz)
  • Viele synthetische Substanzen sind lebensrettend (z.B. Antibiotika)
  • Das kommerzielle „Stevia" im Supermarkt ist ebenfalls ein hochverarbeitetes Extrakt

Was zählt, ist die wissenschaftliche Bewertung der Sicherheit – und hier schneiden alle zugelassenen Süßstoffe, ob natürlich oder synthetisch, gut ab.1


Mythos 8 Stevia ist völlig unbedenklich

Die Behauptung

Stevia ist ein natürliches Wundermittel ohne jegliche Einschränkungen.

Die Fakten

Auch für Stevia gibt es eine empfohlene Tageshöchstmenge (ADI). Die rohen Stevia-Blätter sind in der EU nicht als Lebensmittel zugelassen.

Was du wissen solltest

Stevia ist bei normaler Verwendung sicher, aber nicht ohne Einschränkungen:

  • Die EFSA empfiehlt maximal 4 mg Steviolglykoside pro kg Körpergewicht täglich12
  • Reine Stevia-Blätter sind in der EU nicht als Lebensmittel zugelassen
  • Stevia kann einen bitteren oder lakritzartigen Nachgeschmack haben
  • Die Ökobilanz von Stevia ist durch globale Monokultur-Anbau nicht unproblematisch

Mythos 9 Alle Süßstoffe sind gleich schädlich

Die Behauptung

Egal welcher Süßstoff – sie sind alle gleichermaßen ungesund.

Die Fakten

Verschiedene Süßstoffe haben unterschiedliche chemische Strukturen, Stoffwechselwege und Eigenschaften.

Unterschiede, die zählen

Süßstoffe unterscheiden sich in vielen Eigenschaften:1

EigenschaftUnterschiede
Süßkraft30x (Cyclamat) bis 600x (Sucralose) stärker als Zucker
HitzestabilitätManche eignen sich zum Backen, andere nicht
NachgeschmackVon neutral bis bitter oder metallisch
StoffwechselEinige werden verstoffwechselt, andere ausgeschieden

Für einen detaillierten Vergleich siehe unsere Vergleichstabelle.


Mythos 10 Süßstoffe helfen automatisch beim Abnehmen

Die Behauptung

Wer Süßstoffe statt Zucker verwendet, nimmt automatisch ab.

Die Fakten

Süßstoffe können unterstützen, sind aber kein Wundermittel. Die Gesamternährung entscheidet.

Realistische Erwartungen

Süßstoffe können beim Abnehmen helfen, wenn sie kalorienreichen Zucker ersetzen. Sie führen aber nicht automatisch zu Gewichtsverlust.5

Wichtige Punkte:

  • „Zuckerfrei" bedeutet nicht „kalorienfrei" – das Produkt kann trotzdem kalorienreich sein
  • Ein Diätgetränk rechtfertigt keine zusätzliche Pizza
  • Langfristiger Gewichtsverlust erfordert ein Kaloriendefizit durch Ernährung und Bewegung

Die WHO empfiehlt, Süßstoffe nicht allein zur Gewichtskontrolle bei gesunden Menschen einzusetzen – sie sind ein Werkzeug unter vielen.13


Fazit

Die meisten Mythen über Süßstoffe sind wissenschaftlich nicht haltbar. Süßstoffe gehören zu den am besten untersuchten Lebensmittelzusatzstoffen und sind bei Einhaltung der empfohlenen Mengen sicher.

Merke: „Kein Gift für den Darm, keine Falle fürs Gewicht, sondern ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – dabei hilft, den Zucker hinter sich zu lassen."10

Natürlich bedeutet „sicher" nicht „unbegrenzt konsumierbar". Wie bei allen Lebensmitteln gilt: Die Dosis macht das Gift. Wer sich an die empfohlenen Tageshöchstmengen hält, kann Süßstoffe ohne Bedenken genießen.

Quellen

[1] EFSA: Low/No calorie sweeteners. efsa.europa.eu
[2] National Cancer Institute: Artificial Sweeteners and Cancer. cancer.gov
[3] WHO/IARC (2023): Aspartame hazard and risk assessment results. who.int
[4] Süßstoff-Verband e.V.: Häufige Irrtümer. suessstoff-verband.info
[5] Rogers PJ et al. (2016): Does low-energy sweetener consumption affect energy intake and body weight? Int J Obes. 2016;40(3):381-94
[6] Nichol AD et al. (2018): Glycemic impact of non-nutritive sweeteners. Physiol Behav. 2018;197:73-78
[7] American Diabetes Association: Sugar and Desserts. diabetes.org
[8] Suez J et al. (2014): Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature. 2014;514(7521):181-6
[9] Ruiz-Ojeda FJ et al. (2019): Effects of Sweeteners on the Gut Microbiota. Adv Nutr. 2019;10(suppl_1):S31-S48
[10] SWEET-Studie (2025): Randomisierte kontrollierte Studie zu Süßstoffen. sweetproject.eu
[11] EFSA Panel (2011): Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to sugar alcohols. EFSA Journal 2011;9(4):2076
[12] EFSA (2010): Scientific Opinion on the safety of steviol glycosides. EFSA Journal 2010;8(4):1537
[13] WHO (2023): WHO advises not to use non-sugar sweeteners for weight control. who.int